Foto: Doppel-DVD von Blue Underground

1970 kam das Regiedebüt THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE (aka DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE) eines erst knapp 30 Jahre alten Mannes aus Italien in die Kinos, der den Giallo genauso stark prägen sollte, wie es Kultregisseur Mario Bava in den ’60ern mit THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH und ganz speziell mit seinem Meisterwerk BLOOD AND BLACK LACE (aka BLUTIGE SEIDE) von 1964 getan hatte.

Was ist so ein Giallo/Krimi Italiana eigentlich??? Eine Formel gibt es natürlich nicht, doch ich erkenne zumindest drei grössere Einflüsse:

1 =  Die britischen WHO-DUN-IT-Kriminalromane ala Agatha Christie,

2 = Alfred Hitchcock’s PSYCHO

3 = und die frühen Edgar-Wallace-Streifen wie DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE, DER WÜRGER VON SCHLOSS BLACKMOOR und DER HENKER VON LONDON.

Von den britischen Kriminalromanen übernahm man die eminent wichtige Frage „WER KÖNNTE DER KILLER SEIN?“, die ja eine grosse Rolle im Giallo spielt. Von Hitchcock’s PSYCHO lieh man sich das Mordmotiv (sprich: Macke des Killers durch extreme Erfahrungen in der Vergangenheit/Kindheit). Und von den Wallace-Streifen stiebitzte man sich die auffälligen Maskierungen der irren Schlitzer.

Die italienischen Regisseure (vor allem eben Mario Bava) fügten diesen Elementen eine stark ausgeprägte sexuelle Komponente hinzu. BLUTIGE SEIDE handelt zum Beispiel von einem impotenten Irren, der Frauen alleine deshalb abmurkst, weil sie schön, verführerisch und damit automatisch gefährliche Nutten sind (zumindest aus der Sichtweise des Killers), die den Tod einfach verdient haben…

Das italienische Giallogenre der ’60er und ’70er Jahre ist das mit Abstand erotischste und aufregendste Kino, das es jemals gab (für mich jedenfalls). Die schönsten Frauen – Barbara Bouchet, Edwige FenechNieves Navarro aka Susan Scott, Marina Malfatti -, coole Typen wie George Hilton – und das im Verbund mit den oft ästhetisch fotografierten und visuell beeindruckenden Rasierklingenmorden, sind wahrlich ein traumhaftes Vergnügen für den Freund von irren Schlitzern und heissen Titten.

Ein Paradebeispiel ist Roberto Bianchi Monteros SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL – viele Kameraeinstellungen dieses Sleazewerkes lassen den männlichen Zuschauer in die Rolle des sabbernden Voyeurs schlüpfen. Zumindest 1972 müssen sich manche Kerle regelrecht dabei ertappt gefühlt haben, als sie mit grossen Augen auf die Leinwand starrten, während sich dort die leckeren Ladies auszogen, Sex hatten und schliesslich abgemurkst wurden um letztendlich von unzähligen Männern, tot und nackt auf der Leichenbahre liegend, begutachtet zu werden.

Doch zurück zu Dario Argento und seinem fulminanten Regiedebüt THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE. Für diesen Artikel habe ich mir den Streifen nochmal angeschaut, und zwar in der qualitativ besten Version, die es zur Zeit gibt – die Doppel-DVD-Edition vom Kultlabel Blue Underground ist wohl DIE ultimative Fassung.

 


In BIRD beobachtet – siehe Foto – Autor Sam Dalmas (Tony Musante) eines Abends den Mordversuch an einer Kunstgaleristin (Eva Renzi als Monica Ranieri), bei dem die Frau von einer ganz in schwarz gekleideten Person schwer mit einem Messer verletzt wird. Sam ruft die Polente, die Monica schliesslich noch rechtzeitig in ein Krankenhaus bringen lassen können. Doch als Sam vom Kommissar Morosini (= der wunderbare Enrico Maria Salerno) selbst für die blutige Tat verdächtigt wird, platzt ihm der Kragen, denn er wollte am nächsten Tag von Rom in seine Heimat USA zurückkehren. Kommissar Morosini nimmt ihm jedoch seinen Reisepass ab, so das er gezwungen ist, für eine ungewisse Zeit im schönen Rom zu verweilen. Morosini erzählt ihm schliesslich, das es in kurzen Abständen drei Morde an jungen Frauen gegeben hat, die dem Mordversuch ähneln, den Sam beobachtete.

Als Sam das Polizeirevier verlässt, versucht ihm ein Unbekannter den Schädel mit einer Flasche einzuschlagen. Diesem fiesen Anschlag knapp entronnen, erreicht er seine einsam gelegene Wohnung, in der schon sehnsüchtig seine Freundin Julia (= die wunderschöne Suzy Kendall – dem Giallofreak bestimmt aus TORSO von Sergio Martino bekannt) auf ihn wartet.

Die beiden beschliessen dann, das sie dem Sensenmann selbst auf die Schliche kommen könnten. Doch eines Nachts werden Sam und Julia von einem professionellen Killer gejagt, der sie mittels eines Engelmachers ins Jenseits befördern möchte. Nachdem Sam den Bösewicht in letzter Not abschütteln konnte, dreht er den Spiess um und verfolgt ihn bis in ein Hotelzimmer, in dem ein Besäufnis in Gange ist und ALLE Anwesenden eine gelbe Jacke tragen, die so aussehen wie die Jacke des Killers! Hihi, eine herrliche Sequenz und ein schönes Beispiel für den eigenwilligen Humor Argentos.

Doch dann werden in Rom weitere Morde begangen – und auch Sam und Julia geraten schliesslich ins direkte Visier des Schlitzers…

Foto: Italoplakat

Durchaus von Alfred Hitchcock beeinflusst, gelingt Dario Argento ein finsteres Meisterwerk mit brilliant fotografierten Suspense-Szenen, die ihresgleichen suchen. Die Morde sind zwar noch nicht so blutig und virtuos inszeniert wie im besten Giallo aller Zeiten namens PROFONDO ARGENTO, doch allein die erste „richtige“ Mordsequenz, wo die Kamera der Zigarette des Opfers folgt und wie aus dem Nichts plötzlich der Schlitzer im Türrahmen steht, ist wirklich sensationell montiert worden. Eine grossartige Szene mit Schockgarantie – selbst dann noch, wenn man den Film schon 50 Mal gesehen hat (so wie ich zum Beispiel)…

Viele bekannte Europloitation-Stars gibt es zu bestaunen: Werner Peters (bekannt aus unzähligen Edgar-Wallace/Dr. Mabuse-Streifen), die ebenfalls deutsche Eva Renzi als Kunstgaleristin, Umberto Raho (auch in Argentos THE CAT O’NINE TAILS aka DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE zu sehen) und natürlich vor allen Dingen Mario Adorf als katzenfressender Maler!

Und der Score von Ennio Morricone hat ausnahmsweise mal kein Ohrwurmthema wie in THE CAT O’NINE TAILS, sondern ist reine, teilweise ziemlich schräge, jazzlastige Suspense-Mucke vom Feinsten!

Fazit: Ein Meisterwerk des Giallogenres von 1970!

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